Aus dem Nichts?

So nah war ich dran. An dem Schmerz. Im geschützten therapeutischen Rahmen. Ich wirke, als würde ich all meine Kraft aufbringen, um mich zusammen zu halten, mich zusammen zu reißen.

Jepp.

Die Tage danach – alles absagen. Lippenstressbläschen aus dem Nichts des Nichtstuns. Das Angestrengte kommt von innen.

Plane meinen nächsten Tag. Und gebe es auf. Wollte heute zur Tafel. Die haben extra einen Termin für so Rentner wie mich jetzt – mit 51 – yeah!

Doch ich komme nicht vom Sofa runter. Es ist unmöglich.

Ich träume, dass ich meine große Tochter umarme. Ich weine sehr dabei. Es ist so ein wundervoll schmerzhafter Traum. Denn in real hat sie sich von ihrem Vater komplett entsagt. Der Versager. Als Mensch. Als Vater.

Ich tue immer so, als ob ich gelassen damit wäre. Ist aber nicht so. Der Traum zeigt es. Es tut unendlich weh. Und bietet allen Stoff fürs Runterziehen, wenn ich das Gefühl habe, es ginge mir besser.

Chor absagen. Von mir aus keine Kontaktaufnahme nach außen. Handyklingeln wird ignoriert. Winterhöhle im Sommer.

So ist Depression.

Immer kommt keiner

„Papa!“ und nach ein paar Sekunden wieder „Papa! – Ich bin fertig!“

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(123rf.com)

Ich wache langsam auf. Spüre wie das Erinnerungsadrenalin in meinen müden Körper und Geist schießt: Da sitzt ein Kind auf dem Klo und keiner kommt.

Ich hieve mich hoch, ziehe mich an, laufe ins Badezimmer. Im Betreten blicke auf die Zimmertür, wo „Papa“ liegen müsste. Die Tür ist zu. Auch die Badezimmer war zu.

Der knapp vierjährige Junge sitzt dort. Weit nach hinten gerückt auf dem Klodeckel. Ich frage ihn, ob sein Papa schlafe. Ja. Er hat wohl schon länger gerufen.

Mit der Bürste habe er schon die Flecken weggemacht. Das Wasser sei jetzt schon braun. Auch durch die Bürste.

Um die Toilette herum ist es reichlich nass.

Ich frage ihn, ob ich ihm helfen dürfe. „Ja, natürlich“, antwortet er im Ton tiefster Selbstverständlichkeit. Immerhin kennt er mich als Mitbewohner seines Vaters in einer Zweck-WG. Immerhin „gießt“ er regelmäßig meine Blumen mit einer Wasserspritze. Auch tauscht er immer wieder eine meiner Muscheln gegen eine andere ein. Etwas von mir bei ihm. Wahrscheinlich gibt ihm das das Gefühl von Vertrautheit und Wohlsein.

Ab und zu lasse ich ihn mir beim Spülen oder Putzen helfen. Auch den Knopf der Kaffeemaschine darf er betätigen. „Ich kann das schon“ ist sein absoluter Lieblingsspruch zur Zeit.

Er kann auch schon auf das für ihn zu hohe Klo klettern, neben dem die Windel und die Unterhose liegt. Nur das Abwischen, nun ja: „Papa – ich bin fertig!“

Ein Lied, das so viele Kinder irgendwann singen. Irgendwie schon sooo groß, so ohne Kleinbabywindel, und doch braucht es den Großen noch.

Diesmal wische ich ihn ab, beuge mich über ihn, wische, frage ihn, ob er Papa gerufen habe. „Ja.“ Und dann fügt er hinzu, während ich nah an ihm über ihm gebeugt bin, wischend: „Immer kommt keiner.“

Ich kann die Tränen kaum innehalten. Es tut so weh.

Feuchte, braune Spuren. Er will runter, aber ich sage ihm, ich müsse ihn noch mit dem Waschlappen sauber machen. Alles ok. Ich darf das.

Als ich ihn auffordere sich zwischen den Beinen mit dem Handtuch abzutrocknen, sehe ich die braunen Spuren, die von seinen Hoden kommen. Ich starte eine zweite Waschrunde – diesmal mit warmem Wasser, ganz der erfahrene Ex-Vater.

In mir drin tobt es. Tief unten. Wie am Boden eines strudelnden Trichters. Wühlt die Erinnerungen auf.

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(christoph-schreiber.com)

Es ist dieses Wissen um die selber erlittenen Verletzungen und Demütigungen, um das Nichtwahrgenommenwordensein – „immer kommt keiner“ – was die immer wieder aufkommende Frage, warum ich den Vater nicht einfach aus seinem Bett schreie, ganz moment- und kindbezogen aus dem Geist verdrängt.

Doch ich konzentriere mich. Trockne ihn. Bereite mir dann mein Frühstück, er immer um mich herum. Er hatte die Zimmertür zum Vater geöffnet. Dieser schläft bäuchlings tief.

Ich reinige die Toilette und drum herum, wasche mir die Hände und gehe in die Küche.

Aufmerksamkeit

Der Junge fängt halbnackt an, Schubladen zu erforschen. „Was ist das?“ Während ich mir ein Brötchen toaste. Das ist ein Pizzaroller. „Weiß ich, kenn ich schon“ und er rollt damit den Steinboden ab. Die mehrschneidige Schnittlauchschere. „Kenn ich schon“. Dann der Zweihebel-Korkenzieher. Das stellt ihn vor Rätsel. „Kannst du mir das zeigen?“

Ich verneine erst. Spüre meine Unlust. Spüre meine Abgrenzung, will mich nicht zu sehr auf ihn einlassen. Will mich auch nicht auf das Unvermögen des Vaters einlassen und Ersatz sein.

Ich weiß nicht, was es zum Kippen bringt. Ich sehe mich, wie ich eine leere Weinflasche mit Schraubverschluß finde. Mein Zögern, ob der Korken, der aus der Schublade auftaucht, da wohl rein passt. Tut er. Ich stelle die Flasche auf den Boden, stopfe den Korken rein. Wir knien uns beide hin. Ich erkläre ihm wie er den Korkenzieher oben drehen muss, damit die Spirale sich in den Korken senkt. Ich fordere ihn auf, seine Hände dann um die beiden Hebel zu legen, unterstütze ihn, weil der erste Ruck über seine Kräfte geht. Dann gelingt es ihm, den Korken mit Hilfe der Hebel aus der Flasche zu ziehen. Ich zeige ihm, wie der Korken wieder runter gedreht werden kann.

Warum tue ich, depressiver Vater zweier Kinder, das? Mein 11jähriges Kind sehe ich 2-3 Stunden die Woche. Mein 16jähriges Kind sieht in mir einen Vater, der versagt hat und … einen Menschen, der versagt hat und will mich seit meinem Auszug aus ihrem Zuhause und der Scheidung von ihrer Mutter nicht mehr sehen, nein, eigentlich schon seit der Einweisung vor eindreiviertel Jahren ins Psychiatrische Klinikum für zweieinhalb Monate.

Ich schmiere mir meine Brötchenhälften, sage dem Jungen noch, dass ich jetzt frühstücken gehe. Er weiß, dass ich dann alleine sein will. Als ich im Zimmer sitze, höre ich, dass sein Vater wieder wach ist und mit ihm redet.

Irgendwann liege ich in meiner Depri-Klause mal wieder vom Ausruhen erschöpft auf dem Sofa, döse weg und … der Strudel schießt mir ins Bewusstsein.

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Ich saß selbst einmal auf einem Klo, als kleiner Junge und rief und rief und rief. Ich hatte kein Klopapier mehr. Doch im Gegensatz zu vorherigen Erfahrungen kam niemand. Ich wusste, dass meine Mutter im Geschoss unten drunter zu Mittag mit diesem Stiefvater liegt. Ich war mir beim Lauschen zwischen den Rufen nicht sicher, ob ich sowas wie Stöhnen hörte. Ich kam mir fürchterlich hilflos vor. Ich hatte kein Klopapier und mein Hintern war voll mit Braunem.

Ich konnte nicht aufstehen. Ich konnte die Unterhose nicht hochziehen. Das hätte Spuren gegeben. Braune Spuren. DAS war mir unendlich peinlich. Sowas von peinlich, die Vorstellung, dass ich stundenlang rief. Und niemand kam.

Irgendwann dann doch. Was denn wäre? Ich glaube es war sogar, der Stiefvater. Ich weiß es nicht mehr sicher. Warum ich so rumschreie? Ich würde schon so lange rufen. Nee, hätten wir nicht gehört. Ich soll mich nicht so anstellen. Dann hätte ich eben mal Streifen in der Hose. Ich fühle mich furchtbar unverstanden. Alles ist so peinlich. Und einsam. Stundenlang auf dem Klo lässt mich den Mustern in der Wand und in der Türverkleidung sehr nahe kommen. Hier eine Fissur. Dort ein Riss. Hier ein Flecken. „Ich bin fertig!“ – niemand kommt.

Im Schnee

Ein anderes Mal musste ich so unglaublich dringend. Der Schnee lag hoch, alle spielten und die Betreuerinnen der Kinderkurgruppe hatten alle vorher aufgefordert, nochmal aufs Klo zu gehen. Nur da musste ich noch nicht. Schon gar nicht unter Druck.

Aber draußen und nach einem Gang zum Schlittenhügel musste ich immer doller. Ich meldete mein Bedürfnis an und erntete – Ärger und Beschimpfung. Unverständnis. So zog ich mich zurück und versuchte das Drücken, das immer stärker wurde, nicht zu beachten. „Spiel doch mal mit!“ – Mein IrgendwieandersseinalsandereKinder hatte schon zu Abstempelungen bei den Erwachsenen geführt. Dieser verweichlichte, weiblich anmutende Junge, so sensibel, immer hat er irgendwas. Die Großen waren genervt.

Irgendwann war der Druck zu groß. Auf dem Heimweg mit zusammen gekniffenen Pobacken, starken Schmerzen im Bauch konnte ich noch halten. Kurz vor dem rettenden Klo passierte es dann – ein Stück rutschte raus. Ich versank im Strudel der Peinlichkeit. Ich glaube, ich war 5 Jahre alt.

 

Im Freien

Wieder ein anderes Mal durfte ich mit auf sowas wie eine Pfadfinderfreizeit: großes Zelt, Schlafsack, eigenes Taschenmesser, Lagerfeuer, Bach, Holz, Wiese, Klampfe. Doch wo war das Klo? War ich sieben Jahre alt? Es gab ein Klo – ein Plumpsklo. Doch ich hatte noch nie in meinem Leben mich in der Natur erleichtert. Auch noch nie an einem Ort, wo mich jeder sehen konnte. Alle. Die Jungen, die Mädchen, die Großen. Außerdem würde ich sicher da rein fallen. Und wie sollte ich mich auf diesem Balken abwischen?

Ich hielt ein. Mehrere Tage lang. Schmerzen, Unwohlsein. Liegen. Nicht bewegen, denn jede Bewegung hätte zur analen Öffnung geführt. Tage. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden bei meiner Rückkehr. Horror. Einfach Horror. Nie jemandem erzählt. Oder doch? Verstanden hat es niemand.

 

Zurück

Der Junge war wieder bei seinem Vater, spielte mit ihm, tobte mit ihm.

Ich – fing an zu schreiben. Erinnerungsstrudelschmerzen in aufgewühlter See.

 

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Mutter Erde und ihr kleiner Prinz

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Einsamkeit des kleinen Erwachsenen

 Es gab da einen Planeten „Mutter“. Er war Heimat. Zufluchtsort.

An dieem Ort fühlte ich mich sicher. Ich musste nicht viel dafür tun … dachte ich.

„Diese Kinder haben ständig alle Antennen ausgefahren und nehmen jede Regung auf, um genau zu wissen, wie sie sich verhalten müssen.“

Auf dem Planeten lag oft so ein Schleier, manchmal so trüb wie ein Schatten. Ich lernte mit meinem Verhalten alles heller erscheinen zu lassen. Ich schärfte meine Sinne.

„Sie machen alles, damit es ihr gut geht, vermeiden alles, was ihr Leben schwer oder belastend macht.“

Denn diese Kinder „… sehen, wie es die Mutter schwer hat, wie sie leidet, wie es ihr schlecht geht.“  „… eine Mutter, die an sich, an ihrem Leben und ihrem Unvermögen zerbricht.“

Ich habe alle Aufgaben freiwillig, widerspruchslos, aus Einsicht, ohne Trotz, ja, sogar mit dem Gefühl, es gerne zu tun erledigt: die Treppe fegen, die Katzenklos säubern, das Geschirr spülen, die Salatsoße richten, den Müll rausbringen, die Brotmaschine säubern, mein Zimmer sauber halten, beim Aufräumen des Zimmers meiner Schwester mit zu helfen, das Altpapier wegbringen, die Getränke einkaufen, bei Aldi einholen.

„Sie übernehmen einen Großteil der Haushaltsarbeiten.“

Ein unablässiger Strom der Möglichkeiten, diesem Planeten seine Bürde zu erleichtern.

*****

Doch irgendwas geschah in dieser frühen Zeit mit mir. Es war als würde der Sauerstoff knapper, die Atmung des Gemüts immer anstrengender:

„Das Leiden und Aufopfern der Mutter dringen wortlos durch alle Poren und versetzen die Kinder in eine Dauerschuld. Aus der heraus tun sie alles, sind gänzlich auf die Mütter fixiert, nehmen sich selbst ganz zurück.“

Ich entwickelte meine Wahrnehmung so unendlich fein, dass ich auch die kleinste Schwingung wahrnehmen konnte.

„Obwohl die Mutter nichts sagt, nichts will, dreht sich bei diesen Kindern alles um sie, darum, wie es ihr geht, was sie macht und was man noch für sie tun könnte.“

So nahm ich wahr und sprach sie an. Und sie redete mit mir wie mit einem Großen.

Das erfüllte mich mit Stolz. Ich war ihr Kleiner Prinz.

*****

Eines Tages war ich voller Zorn und Trauer über meine Einsamkeit in mir. Obwohl ich „Freunde“ hatte, fühlte es sich mit ihnen immer fremd an.

So behandelten sie mich dann auch.

So sprach sie: „Du musst dir doch Freunde suchen.“
Und ich antwortete trotzig und dem Weinen nah: „Ich brauche keine Freunde.“

*****
Es gibt Sätze, Worte, die einmal ausgesprochen,

wie ein Bann, ja, wie ein Fluch wirken.

Wirksätze.

Diesen einsamen, verzweifelten Satz als 8jähriger auszusprechen, sollte sich auf mein gesamtes bisheriges Leben auswirken.

„Durch ihr leidendes, unterwürfiges und bescheidenes Verhalten schafft und provoziert sie Schuldgefühle und ein permanentes schlechtes Gewissen bei den Kindern.“

Ich bin verzweifelt an der Kargheit und der Härte dieses Planeten, auf den ich doch so sehr angewiesen war.

Seelenwundriß
Seelenwundriß

 

Ich habe schon früh gesehen, wie das Brachliegende in freudebringende Vielfalt verwandelt werden könnte. Ich habe die Umwelteinflüsse wahrgenommen, die dem Planeten die Lebensqualität in hohem Masse verknappten. Ich habe gespürt, dass die männlichen Bewohner feindselig im Wesen waren. Ich nahm wahr, wie der Umgang mit sich selbst zur Selbstzerstörung führen würde.

All dies habe ich kommuniziert. All diesem hat sie zugestimmt, mich für meine unglaubliche Wahrnehmung gelobt und „wie erwachsen ich doch schon“ wäre. Immer auch mit einem Unterton des Erschreckens und des Stolzes.

„Diese Kinder ziehen sich zurück, wollen nicht belasten, sind ruhig und erwachsen.“

Doch dann drehte sie sich um und machte alles so weiter wie bisher. Bis der Leidensdruck wieder stieg und wieder hörte ich zu, sprach ein, zeigte mich verständnisvoll, empathisch, entwickelte Ideen, wie es besser sein könnte,

sprach ihr Mut zu.

Ich – das Kind.

Irgendwann war ich maßlos erschöpft. Bis heute.

 

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Lost in the corner of my soul and life

(Badische Zeitung)

*****

„Die Frage ‚Was will ich?‘ kann neben einer Mutter, die vorlebt, dass man nur für die anderen dazu sein hat, und neben einer Mutter, die keine eigenen Bedürfnisse zu haben scheint, nicht enstehen.“

Und im Schleifprozeß der Kindheits- und Jugendlichenjahre ging mir zudem jegliche Identität verloren. „Wer bin ich?“ – ist eine bis heute kaum zu beantwortende Frage.
Doch als kleiner Junge erfuhr ich eine, heute sage ich,

missbrauchende Aufmerksamkeit.

„Nicht selten gibt es dann ein Kind das besonders verhätschelt und als Liebesobjekt fast missbraucht wird.“

Ersatzpartner sozusagen. Bis der Mann nach Hause kam.

„Die Liebe der Mutter bewirkt nicht, dass sie [diese Kinder] sich freuen können, dass sie wachsen und gedeihen können, sie schafft keine Wurzeln und mag keinen festen Boden zu geben.“
****
Heute kann ich diesen verhungerten, verkrüppelten kleinen Prinzen einsam in mir spüren. Es ist eine schmerzende und mühselige Aufgabe, mich ihm zu nähern und Vertrauen zu ihm aufzubauen. Zu mir.
Die Schwermut, das Leiden, die Todessehnsucht habe ich als kleiner Junge aufgesaugt. Mit jeder Seelenpore.
Davon zu schreiben, hilft mir.

*****

(alle Zitate aus Josef Giger-Bütler „Sie haben es doch gut gemeint – Depression und Familie“ aus den Kapiteln „Krank machende Bedingungen in der Kindheit – dienende, aufopfernde, starke, bestimmende, depressive Mütter“ /  Beltz Verlag, 2003, Weinheim, Basel, Berlin / ISBN 3 407 85788 8)

Hände

Depri – B Log Buch,

29. Juli 2017, 13.22 Uhr, Elb7

 

Ich träume von unendlich langem Warten in einem Amt auf irgendwas.

Da taucht meine Tante auf, die ich 30 Jahre nicht gesehen habe. Im Schlepptau meine Kusine und eine Irgendwieverwandte.

Sie umarmt mich lange. Lange. Sehr lange.

Ich spüre ihren Körper. Ihre Wärme. Ich spüre meinen Körper.

Wie wir beide spürend und entspannt werden.

Spüre von Mensch zu Mensch die Freude, einfach da zu sein und sich mit sich selbst und mit einem anderen Menschen verbunden zu fühlen.

Und für einen Moment nicht einsam in den Weiten der Depression.

*****

„Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: „Kanntest du auch ihn? Er ist dein Sohn.“

Ihre Augen wurden irr und fielen zu. 

Der Knabe weinte, Siddharta nahm ihn auf seine Knie, ließ ihn weinen, streichelte sein Haar, und beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein, das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war.
Langsam mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der Vergangenheit und Kindheit kamen ihm die Worte geflossen.

Und unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und wieder auf und schlief ein. (…)

„Sie wird sterben“, sagte Siddharta leise.

(…)

„Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? (…) Mein Sohn ist mir geschenkt worden.“

(…)

Während der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.“

(aus Hermann Hesses „Siddharta“)

*****

Bis heute kann ich Umarmungen nur schwer an mich heran lassen. Den Schmerz, den ich beim Lesen und Schreiben spüre, möchte ich eigentlich nicht spüren.

Es ist ein Schmerz über Vaterfiguren in meinem Leben, die nicht umarmen konnten. Väter, die sich auch nicht selbst in den Arme nehmen konnten.

Wie erschreckend, dieses Muster bei mir wider zu finden.

Jedoch glaube ich in meinem entschleunigten Leben, wo nur ein Schritt nach dem anderen zählt, eine neue Achtsamkeit an und in mir zu spüren: Das Bewusstsein, dass Veränderung wirklich Zeit braucht.

Und Hände.

„Es sind die kleinen Dinge,

die uns brauchen,

denn wir hauchen alle Lebensringe in sie ein.

Drum ergreift sie meine Hände,

so als bliebe

ohne euch am Ende

jedes Ding allein.“

(Karlfried Graf Dürckheim)

*****

Und ich auch.

Vielleicht bedeutet dies, wenn davon gesprochen wird, das Kleine, das Unversorgte, das verletzte Kind in mir zu umarmen!

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Depri – B Log Buch, 26. Juli 2017, Elb7, 12:38 Uhr Krasse Therapiesitzung am Montag. Führte zu einem Schlaf wie nach einem Geburtsdurchgang – 15 Stunden? Mal wieder dieses Ding: Therapeut – „Sie sind da. Also sind sie bedeutsam.“ Da will mir einer sagen, dass meine pure Existenz mich dazu berechtigt, voll in der Welt dazu sein. Krass. Nicht unbedingt neu, aber an diesem Punkt meiner Depri-Reise durch die Weiten der Depression wie ein neuer Planet. In mir drin. Ich sozusagen. #Josef Giger-Bütler dazu: „Das Ziel Es kann und darf nicht erstes Ziel sein, aus der Depression herauskommen zu wollen, auch wenn der Leidensdruck noch so groß und der Wunsch danach noch so stark ist. Denn das ist ja das Paradoxe, dass, je mehr der depressive Mensch die Depression überwinden will, er sich umso mehr in sie hineinmanövriert. (…) Um was geht es also beim Ausstieg aus einer #Depression? (…) Ein Mensch zu werden, der sich versteht, der sich in seiner ganzen Unvollkommenheit annehmen und lieben kann und fähig ist, auf andere zuzugehen, der zu Menschen und der Welt in Beziehung treten kann und der intensiv Liebe zu geben und zum empfangen in der Lage ist. Er soll frei werden von seinen depressiven Mustern und handeln können, ohne sich zu überfordern. Es geht wesentlich darum, dass der depressive Mensch sich einen Wert gibt, sich selbst als wertvoll erlebt und dieses Erleben auch wirklich, tief und ganzheitlich spürt und lebt.“ Alter. Was für eine Packung. Geht’s auch in Portiönchen? Nö. Aber in vielen, vielen kleinen Schritten im Hier und Jetzt. Bild könnte enthalten: Wolken, Himmel, Natur und im Freien

Depri – B Logbuch, 23. Juli 2017, 15:57 Uhr, Elb7

Captain Cooker an Erde, Seele und Herz:

Sind heute auf Planet Website angekommen. Müssen uns erst mal orientieren.

Auf Facebook kamen die langen B Log – Einträge kaum an.

Hier soll es mehr Kapazitäten geben. Luft zum  Atmen vorhanden.

Unser Auftrag ist immer noch:

Berühren. Mit – Teilen. Ent – Wickeln.

Willkommen in den unendlichen Tiefen und Weiten der Depression.